DEFF Dokumentationszentrum für Europäische Eisenbahnforschung Dr. Michael Populorum AustriaEisenbahnforschung # Eisenbahn-Archäologie # Eisenbahn-Geographie # Eisenbahn-Geschichte

DEEF Dr. Michael Populorum Dokumentationszentrum für Europäische Eisenbahnforschung

>Startseite<

Die Pustertalbahn - innerösterreichisch, korridorisch, (süd-)tirolerisch - neue Power von Franzensfeste nach Innichen

Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael PopulorumLang lang war es her, daß der Chefredakteur von DEEF die Pustertalbahn zuletzt befahren hatte. Es war 1976, damals als frisch gebackener Maturant auf der internen Maturareise mit seinem Banknachbarn Donat (der ist heute Ordinarius für Mathematik in Deutschland). Mit dem Österreich-Ticket wurde auch die Pustertalbahn befahren, von Innsbruck aus mit dem von einer Diesellok gezogenen Korridorzug nach Lienz, wobei das Aus- und Einsteigen auf italienischem Gebiet (der südliche Teil Tirols ist ja seit 1919 völkerrechtswidrig von Italien besetzt) verboten war.

Im Mai 2011 war es wieder soweit - nach der Baustellenvisite des BBT in Franzensfeste / Mauls (siehe Visite Mauls) erfolgte die Heimfahrt von Franzensfeste nach Salzburg über die Pustertalbahn, Drautalbahn und Tauernbahn (Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen/San Candido - Lienz - Spittal/Drau - Bad Gastein - Salzburg).

Als erstes fiel auf, daß die Strecke elektrifiziert worden war und daß moderne Triebwägen der SAD, dem Südtiroler Verkehrsverbundes, in einer kurzen Taktfrequenz zumindest bis Innichen verkehrten - die Weiterfahrt mit der ÖBB stellt allerdings einen Flaschenhals dar, denn was nützt eine Halbstundenfrequenz in Südtirol wenn der Anschluß mit der ÖBB nur alle 2 Stunden erfolgt! Weiters konnte protokolliert werden, daß manche Bahnhöfe (bspw. wie der historisch wertvolle in Aicha) in einen Dornröschenschlaf versunken und außer Funktion sind, während andere Bahnhöfe neugebaut wurden bzw. sogar neue Halte angelegt wurden. Rankten sich noch vor wenigen Jahren Einstellungsgerüchte um die Bahn, so dürfte bis auf weiteres davon keine Rede mehr sein. Offenbar findet man in der Pustertalbahn ein weiteres positives Beispiel für die Regionalisierung bzw. Privatisierung der Eisenbahn (á la Vinschgerbahn, Pinzgabahn, Zillertalbahn...)

Ein paar Fakten zur Pustertalbahn (Ferrovia della Val Pusteria)

Aufzählung

Eröffnet: 30. November 1871 (vgl. Brennerbahn 1867)

Aufzählung

Zweck: Ursprünglich (strategisch wichtige) Verbindung der Südbahn Wien-Graz-Marburg-Triest mit der Brennerlinie Innsbruck-Franzensfeste-Bozen-Verona (nach dem Verlust Venetiens wäre Südtirol von Wien aus nur mehr über Salzburg-Innsbruck erreichbar gewesen). Heute wichtige Nahverkehrsader für Berufspendler und Schüler sowie für den sanften Tourismus (Stichwort Radfahrurlauber).

Aufzählung

Errichter und Betreiber: k.k. priv. Südbahngesellschaft; heutige Betreiber SAD ("Südtiroler Autobus Dienst") in Gestalt der Pustertalbahn sowie FS/Trenitalia und ÖBB. Die Betriebsführung der ÖBB reicht bis in den mehrere Kilometer jenseits der momentanen Staatsgrenze liegenden Bahnhof Innichen/San Candido.

Aufzählung

Streckenlänge: 64,5 Kilometer

Aufzählung

Traktion: Elektrisch 3000 Volt Gleichstrom, elektrifiziert seit Mai 1989

Aufzählung

Spurweite: Normalspur 1.435 mm, eingleisig

Aufzählung

Max. Neigung: 20 Promille

Aufzählung

Minimaler Radius: 285 Meter

Aufzählung

Maximalgeschwindigkeit: 80 km/h

Aufzählung

Fahrzeuge: Neben einigen wenigen Wendezügen der FS/TI hauptsächlich moderne FLIRT ("Flinker Leichter Innovativer Regional-Triebzug" von Stadler Rail) der SAD (Stand 2011). Zusätzlich noch je 2 REX Verbindungen mit österreichischem Wagenmaterial (1216 + IC/EC Wagen)

Aufzählung

Frequenz: Von 1946 bis zum EU-Beitritt Österreichs gab es den sogenannten Korridorverkehr, dh. Direktverbindungen ohne Paß- und Zollkontrolle Innsbruck-Lienz ohne planmässigem Aufenthalt auf südtiroler Territorium - das Aus- und Zusteigen bei Betriebshalten war verboten. Neben diesen Eilzugverbindungen gab es auch über längere Zeit einen Fernverkehrs-Korridorzug Wien-Lienz-Innsbruck, den IC Val Pusteria/Pustertal. Aktuell gibt es 2 tägliche Direktverbindungen mit REX Innsbruck-Lienz, die aber in Südtirol offiziell Station machen. Die schnellste Fahrtzeit für diese beiden Tagesrandverbindungen beträgt 3 Stunden 22 Minuten.

Aufzählung

Die Fahrzeit Franzensfeste - Toblach beträgt 1 Stunde 20 Minuten. 28 werktägliche Verbindungen (nahezu halbstündliche Verbindung den ganzen Tag), frühester Zug um 5.50, letzter Zug 20.50 ab Franzensfeste. Ca. 2-Stundentakt Innichen-Lienz auf der Drautalbahn (10 tägliche Verbindungen)

Aufzählung

Anschliessende Bahnlinien: Brennerbahn (in Franzensfeste); Drautalbahn (in Innichen); Ehemalige Tauferer Bahn von Bruneck nach Sand in Taufers (stillgelegt 1957); Ehemalige Dolomitenbahn von Toblach über Cortina d´Ampezzo nach Calalzo (stillgelegt 1964)

Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum

Mitten durch das Festungsbauwerk Franzensfeste verläuft die Pustertalbahn gleich nach dem Abzweig von der Brennerbahn. Mit dem Steuerwagen voraus schiesst der Regionale an einem heißen Maitag 2011 aus dem Festungseinschnitt heraus Franzensfeste entgegen. Zuvor hat er die heute 157 m lange Brücke über die Eisackschlucht passiert. Bis 1988 war die Brücke 204 m lang und ließ sich zu einem Teil auch in die Festung einfahren und somit die Strecke unterbrechen. Die 2 Pfeiler stammen noch von der alten Brücke, welche ursprünglich 7 Bogenöffnungen hatte

Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum
Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum

Dem farbenfrohen äusseren Erscheinungsbild folgt allerdings leider im Inneren monotones, depressives Grau, welches das Neonlicht noch unangenehmer wirken lässt.

Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum

Die modernen Flirt-Triebwägen der SAD entsprechen modernstem Standard. Sogar Tischchen mit Steckdosen in der 2. Klasse (1. Klasse wird leider nicht angeboten). 2008 wurden 4 vierteilige (405 Sitzplätze) und 4 sechsteilige (631 Sitzplätze) FLIRT beschafft. Besonders löblich und für einen nachhaltigen sanften Tourismus enorm wichtig ist die großzügige Möglichkeit der Fahrradmitnahme (bis zu 120! Fahrräder) sowie Schiern im Winter - hier kann die österr. Staatsbahn Nachhilfe nehmen!

Dazu modernste Info-Schirme, wobei traditionellen deutschen (tiroler) Ortsnamen wieder erstgenannt werden.

Stationen (Kilometerangaben ab Franzensfeste/Fortezza):

bullet

Franzensfeste (ital. Fortezza), Abzweigung von der Brennerbahn (0,0 km, 747 Meter über der Adria)

bullet

Aicha (2,8; zur Zeit aufgelassen)

bullet

Schabs (4,5; zur Zeit aufgelassen)

bullet

Mühlbach (8,1)

bullet

Vintl (13,5)

bullet

St. Sigmund (18,7; zur Zeit aufgelassen)

bullet

Ehrenburg (23,7)

bullet

St. Lorenzen (29,4)

bullet

Bruneck (32,4; Abzweig ehem. Tauferer Bahn nach Sand in Taufers)

bullet

Percha (seit 2010)

bullet

Olang-Antholz (43,7, 1.040 Meter über der Adria)

bullet

Welsberg-Gsies (50,9)

bullet

Niederdorf-Prags (55,9)

bullet

Toblach (60,7; Abzweig ehem. Dolomitenbahn nach Cortina d´Ampezzo-Calalzo)

bullet

Innichen / San Candido (64,5, 1.178 Meter über der Adria; Anschluß an die Drautalbahn Lienz-Spittal)

 
bullet

Scheitelpunkt/Höchster Punkt der Strecke: Am Toblacher Sattel mit 1.215 Meter über Triest

Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum

Alte historische Bahnhöfe werden ersetzt oder ergänzt durch Neubauten

Besondere Kunstbauten:

Brücke über den Eisack zwischen Franzensfeste und Aicha, heute 157 m lang, ursprünglich (bis 1988) 204 m (siehe Foto oben)

Tunnels:

bullet

Ochsenbichltunnel (257 m)

bullet

Lamprechtsburgtunnel (338 m)

bullet

Wielentunnel (61 m)

bullet

Rasener Tunnel (192 m)

bullet

Welsbergtunnel (140 m)

Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum
Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum

Das östliche Ende der Pustertalbahn in Innichen/San Candido. Bis zur österreichischen Staatsgrenze sind es dann noch ein 8 Kilometer, wobei die beiden ehemaligen Stationen an der heute Drautalbahn genannten Strecke, nämlich Vierschach und Winnebach, aufgelassen sind

"Namensverwirrungen" Pustertalbahn - Drautalbahn - Kärntner Bahn:

Am Anfang war die Kärntner Bahn - als Flügelstrecke der Südbahn wurde sie 1863 von Marburg aus zunächst bis Klagenfurt und 1864 dann bis Villach eröffnet. Aus primär strategischen, "hausmachtstechnischen" Überlegungen heraus wurde die Strecke dann in einem Stück von Villach bis Franzensfeste 1871 eröffnet, wobei der Abschnitt Villach bis Lienz als Drautalbahn und der Abschnitt Lienz bis Franzensfeste als Pustertalbahn bezeichnet wurde.

Nach 1918 (die Strecke Marburg-Franzensfeste wurde durch 3 Landesgrenzen zerstückelt) änderte sich die Namensgebung wie folgt:

Drautalbahn = Bahnstrecke Marburg - Innichen/San Candido

Pustertalbahn = Bahnstrecke Innichen/San Candido nach Franzensfeste/Fortezza.

Aktuell also:

Drautalbahn (neu): Kärntner Bahn (Marburg-Klagenfurt-Villach) + Drautalbahn alt (Villach-Lienz) + östlicher/österreichischer Teil der Pustertalbahn (Lienz-Innichen/San Candido)

Pustertalbahn (neu): Ehem. Pustertalbahn auf südtirolerischem/italienischem Staatsgebiet (Innichen/San Candido-Franzensfeste/Fortezza)

       Pustertalbahn Franzensfeste - Bruneck - Toblach - Innichen; DEEF/Dr. Michael Populorum             

Am östlichen Stumpfgleis in Innichen wartet der REX mit "graffitiverzierten" (=angeschmierten) "Cityschüttlern" zur Weiterfahrt nach Lienz auf der Drautalbahn

Linktips:

Offizielle Webseite der Südtirolbahn: www.vinschgauerbahn.it ; www.sad.it

www.tecneum.eu - ein virtuelles Technikmuseum. Fachkundige Beschreibung und Dokumentation aller Bahnhöfe in Südtirol (einst und jetzt) primär aus der Sicht von Architekten. Auf Sammlungen" klicken, dann auf Eisenbahnen

DEEF: Zur Brennerbahn bzw. Brennerbasistunnel: http://www.dokumentationszentrum-eisenbahnforschung.org/brennerbasistunnel.htm

DEEF: Brennerbasistunnel Süd (Baustellenvisite Franzensfeste): http://www.dokumentationszentrum-eisenbahnforschung.org/brennerbasistunnel_franzensfeste.htm

DEEF: Zu Fuß entlang der alten Strecke vom Brenner bis Gossensaß (ein Reader in 4 Teilen) http://www.dokumentationszentrum-eisenbahnforschung.org/brennerbahn_bahnhofbrenner.htm

DEEF: Josef Rabl und Dölsach an der Drautalbahn: www.dokumentationszentrum-eisenbahnforschung.org/josefrabl.htm

DEEF: Die Drautalbahn von Spittal an der Drau (Millstättersee) über Lienz nach Innichen / San Candido: www.dokumentationszentrum-eisenbahnforschung.org/drautalbahn.htm

Sollten Sie Anregungen zu den Projekten haben oder eigene Beiträge oder Fotos präsentieren wollen, so freuen wir uns auf eine Kontaktaufnahme. Haben Sie einen Fehler entdeckt? Bitte um Info >

 redaktion@dokumentationszentrum-eisenbahnforschung.org

Bericht von: Dr. Michael Populorum, Chefredakteur DEEF;  Erstmals online publiziert: 9. Juli 2011; Änderungen: -

DEFF Dokumentationszentrum für Europäische Eisenbahnforschung Dr. Michael Populorum AustriaEisenbahnforschung # Eisenbahn-Archäologie # Eisenbahn-Geographie # Eisenbahn-Geschichte

DEEF Dr. Michael Populorum Dokumentationszentrum für Europäische Eisenbahnforschung

Last modified  Sonntag, 24. Mai 2015 22:13:41 +0200
Autor/F.d.I.v.: Kons. Univ. Lekt. Dr. Michael Alexander Populorum DEEF # Dokumentationszentrum für Europäische Eisenbahnforschung # Railway Research Austria 2009-2020 

 Impressum/Copyright        Unterstützung & Sponsoring