DEFF Dokumentationszentrum für Europäische Eisenbahnforschung Dr. Michael Populorum AustriaEisenbahnforschung # Eisenbahn-Archäologie # Eisenbahn-Geographie # Eisenbahn-Geschichte

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Der "Kammerer Hansl" - einst Tourismus, heute Güter und Pendler

Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012Kammerer Hansl ist die volkstümliche Bezeichnung für die 1882 eröffnete eingleisige und seit 1955 elektrifizierte Eisenbahnstrecke in Normalspur von Vöcklabruck an der Westbahn nach Kammer-Schörfling an den Gestaden des Attersees. Der Name Kammerer Hansl rührt von der gleichnamigen Hochfläche glazialer Entstehung her, die die Bahnstrecke mit maximal 21,9 Promille überqueren muß.

Geschichte / Betreiber: Die Errichtung der Bahnstrecke Kammerer Hansl ist in engem Kontext mit dem beginnenden Tourismus im Attergau und konkret mit dem Beginn der Dampfschiffahrt auf dem Attersee durch die 1. Attersee-Dampfschiffahrts-Unternehmung ab dem Jahre 1869 zu sehen. Die Schiffseigner, die auch Besitzer der Herrschaft Kammer waren, nämlich August Horváth von Szenti Gyorgy und seine Gattin Ida, geborene Gräfin Khevenhüller, verfolgten auch die Errichtung einer Eisenbahnstrecke nach Kammer am Attersee und am 30. März 1880 erhielten sie die Bewilligung zur Vornahme technischer Vorarbeiten für eine "Lokomotiv-Eisenbahn von Kammer am Attersee zum Anschluß an die k. k. priv. Kaiserin-Elisabeth-Bahn". Die Planung und Bausausführung erfolgte durch den Wiener Ingenieur und Bauunternehmer Miroslav Ritter von Keißler, den Sohn des Erbauers der Westbahn (vorm. Kaiserin-Elisabeth-Bahn), Karl Ritter von Keißler. Dieser bekam auch von den ursprünglichen Proponenten die Bewilligung übertragen und erhielt am 1. August 1881 die Konzession.

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Baubewilligung: 2. Juni 1881

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Techn. - polizeiliche Prüfung: 22. April 1882

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Feierliche Eröffnung: 30. April 1882

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Aufnahme des öffentlichen Verkehrs: 1. Mai 1882

1907 wurde eine Pacht- und Betriebsvertrag mit der Staatsbahn erstellt, die Staatsbahn zahlte für die Benutzung und den Betrieb jährlich 30.483 Kronen an die Eigentümer, die Familie Keißler bzw. dann ihren Nachfahren.

Die Familie Keißler blieb bis 1938 Eigentümer der Bahn, mit Wirkung vom 1. 1. 1939 wurde mit dem Übergang der ÖBB in die Deutsche Reichsbahn der Pacht- und Betriebsvertrag außer Kraft gesetzt und die Bahn somit verstaatlicht.

Seit 1945 erfolgt der Betrieb durch die ÖBB. Nachdem schon in den 30er Jahren dieselelektrische Triebwägen statt Dampftraktion zum Einsatz kamen, kann seit dem 29. Juli 1955 die Traktion elektrisch erfolgen, wobei seither dennoch auch Dieseltriebwägen der Reihe 5047 zum Einsatz kamen.

An einem sonnigen und sogar heißen Nachmittag im Mai 2012 stattete ich dem Kammerer Hansl einen Besuch ab. Ich war lange nicht dort gewesen und in den 1980er Jahren, als ich einen Studienkollegen namens Kurt in Timelkam ein paar Mal besuchte, da nutzte ich den Kammerer Hansl auch nur zur Rückfahrt gen Salzburg von Oberthalheim-Timelkam aus bis Vöcklabruck. Die restliche Strecke war bis dato für mich eine terra incognita. Damals waren noch Spantenwagen, also 2-Achser mit offener Plattform, im Einsatz, an die Lokomotive kann ich mich nicht mehr erinnern.

Von Salzburg ging es um 16.10 mit dem IC los, nach 41 Minuten Fahrzeit kam ich pünktlich um 16.51 in Vöcklabruck an. Die Zeit bis zur Abfahrt des Kammerer Hansl nutzte ich, um Fotos vom Bahnhof Vöcklabruck zu schießen und um in der noch völlig intakten Bahnhofsrestauration ein Seidl Bier aus Zipf zu genießen. Am Hausbahnsteig versteht sich.

Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012

Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012

Pünktlich um 17.13 ging die Fahrt los vom Bahnsteig 2 mit dem Regionalzug 3268. Er bestand aus 2 City Shuttle Wagen, die bei der Hinfahrt von der 1142.642 - 6 geschoben wurden. Der Zug kam aus Attnang Puchheim Bei Streckenkilometer 254,6 (alte Kilometrierung) zweigt der Kammerer Hansl nach links von der Westbahn ab (Abzweig Vöcklabruck 1) und das Trassee steigt bis Oberthalheim-Timelkam deutlich mit max. 21,9 Promille an. Die eigentliche Streckenlänge von der Abzweigung bis Kammer-Schörfling beträgt 8,6 km (bis Streckenende 8,8 km), von Vöcklabruck bis Kammer-Schörfling 10,9 km

Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012

Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012

Noch im Anstieg kurz vor Oberthalheim-Timelkam. Die maximale Geschwindigkeit (Vmax) auf der Strecke beträgt 60 km/h, wobei aktuell zumindest 1 Langsamfahrstelle mit 20 km/h passiert werden mußte. Der kleinste Krümmungshalbmesser beträgt ca. 150m. Der Anstieg ist geschafft und die Station Oberthalheim-Timelkam (km 3,411 ab Vöcklabruck) erreicht. Mit den beiden Endpunkten Vöcklabruck und Kammer-Schörfling gibt es 6 Stationen, die Station Pichlwang bei km 4,6 wurde 1944 aufgelassen.

Frequenz: Diesbezüglich gab es in den letzten Jahren ein ständiges Auf- und Ab. Man hat den Eindruck, man weiß seitens des Betreibers nicht wirklich, ob man die Strecke einstellen, richtig vertakten oder nur ein Erinnerungszugpaar täglich führen soll. Aktuell gibt es täglich 4 Verbindungen nach Kammer-Schörfling, davon 3 von/bis Attnang-Puchheim, 1 von/ab Vöcklabruck (erste/letzte Verbindung des Tages).

Sehr bedauerlich ist, daß aktuell kein Verkehr am Wochenende stattfindet, dh. die touristische Nutzung ist sehr eingeschränkt, auch ob der zeitlichen Lage der Kurs. Ab Vöcklabruck: 5.47, 6.44, 13.29, 17.13. Ab Kammer-Schörfling: 6.08, 7.08, 14.08, 18.17

Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012

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Der Bahnhof Lenzing ist bei Streckenkilometer 5,814 erreicht. Hier besteht auch Kreuzungsmöglichkeit. Der Bahnhof (seit 1939, vormals Halte- und Ladestelle seit 1903) ist jedoch geprägt vom Verschub von/zur Lenzing AG, einem  der größten Zellstofferzeuger Europas mit Gleisanschluß (Anschlußbahn) an den Kammerer Hansl. 1063.004-4 am 2. Gleis im Bahnhof Lenzing mit angekuppelten Kesselwagen. Rechter Hand hinter dem Bahnhof gibt es noch ein separates Ladegleis.
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Kurz nach dem Bahnhof Lenzing zweigt die Anschlußbahn in die Lenzing AG ab, wo zahlreiche Gleisanlagen vorhanden sind. Das Werk hat eine eigene Verschublokomotive. Eine eher unwirtliche Gegend, die Leute, die hier wohnen sind ob des permanenten Gestanks zu bemitleiden Unterstand der Station Lenzing Ort, errichtet 1955 im Zuge der Elektrifizierung, Streckenkilometer 7,301.
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Bei Streckenkilometer 8,694 ist die Haltestelle Siebenmühlen-Rosenau erreicht. Die Haltestelle gibt es seit 1894, bis 1989 hieß sie nur Siebenmühlen. Nachdem die Strecke schon einige Zeit dem linken Ufer der Ager gefolgt ist wird die Ager kurz vor dem Endbahnhof Kammer-Schörfling auf einer Eisenbrücke als dem einzigen nennenswerten Kunstbau der Strecke überquert.
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Der Endbahnhof Kammer-Schörfling wird bei Streckenkilometer 10,918 ab Vöcklabruck (8,6 seit dem Abzweig) erreicht. Der Bahnhof hieß in den Anfangsjahren nur Kammer (Kammer-Schörfling seit dem 1. Mai 1909). Der Bahnhof Kammer war früher ein echter Seebahnhof, dh. die Gleise führten direkt an das Seeufer. Heute enden die Gleise 200 m nach dem Bahnhof, die restlichen Meter bis zum Seeufer wurden abgetragen.

Im Bahnhof Kammer-Schörfling hatte ich bis zur Rückfahrt ca. 40 Minuten Aufenthalt. Nachdem ich die Situation vor Ort dokumentarisch festgehalten hatte - als ältestes Walzzeichen in den Schienen fand ich "Graz. 1906. MSt." - habe ich nach einer Labungsstation Ausschau gehalten. Das am nahen Seeufer situierte Haubenlokal mit Seeterrasse sperrte allerdings erst um 18 Uhr auf, das ehem. Wirtshaus gegenüber des Bahnhofs fiel dem Generationenwechsel zum Opfer, wie mir der Herr Bahnhofsvorstand, der offenbar mit Familie im Bahnhof wohnt, mitgeteilt hat. Also ging ich nur zum Seeanleger der Atterseeschiffahrt hinunter und setzte mich dann auf die gemütliche Holzbank unter der Bahnhofsveranda und wartete auf die Rückfahrt gen Vöcklabruck. Bei mehr Zeit kann man natürlich die 5-10 Minuten ins Ortszentrum gehen oder sich im Notfall ein Pivo im nahen Lagerhaus besorgen, wie mir der Herr Bahnhofsvorstand sagte.

Der Herr Bahnhofsvorstand erzählte mir auch von einem nicht verwirklichten Projekt einer Weiterführung der Strecke von Kammer-Schörfling Richtung Mondsee. Aus der Literatur ist mir bekannt, daß ursprünglich die Trasse ins Salzkammergut nach Ischl über Kammer-Schörfling laufen sollte, die wurde aber dann wie wir heute noch sehen und erleben können über Attnang-Puchheim und Gmunden Richtung Ischl gebaut.

Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012

Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012
Unsere 1142.642-6 hat sich mit ihren 2 CS-Wagen eine kurze Rast verdient Gemütlicher 1970er Jahre Stil
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Im inneren des Bahnhofs mit Warteraum und Schalter Der Anleger "Kammer" der Atterseeschiffahrt ist nur wenige Schritt entfernt
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Der letzte Regionalzug des Tages - da Freitag Nachmittag, ist es eigentlich der letzte Zug für die nächsten 3 Tage - bereit zur Rückfahrt. Sehr idyllisch wirkt der riesige in Blüte stehende Kastanienbaum Fahrschalter "Ein" Richtung Vöcklabruck
Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012 Der Kammerer Hansl von Vöcklabruck nach Kammer-Schörfling. DEEF / Dr. Michael Populorum 2012
Gleich geht's los, außer mir sind noch 4 weitere Personen im Zug. Unterwegs steigen allerdings noch einige Personen ein, die von dem an sich unattraktiven Fahrplan noch nicht verschreckt sind - die Hartgesottenen also.. Ankunft in Vöcklabruck auf dem für den Kammerer Hansl reservierten Bahnsteig 21, einem Stumpfgleis. Dort endet der letzte Zug des Tages und von dort startet der 1. Zug des Tages Richtung Kammer-Schörfling. Die anderen 3 Kurse starten/enden in Attnang-Puchheim.

Ausblick: Wie der Schienenverkehr generell in Österreich hat auch der Kammerer Hansl Potential, neue Kunden zu gewinnen. Man darf halt nicht nur die Schienen verwalten sondern muß aktiv auf die potentielle Kundschaft zugehen - da sind Landespolitik, Gemeindepolitik, ÖBB und Tourismus aufgefordert, sich aktiv pro Schiene einzusetzen. Mit Abstand wichtigster Kunde und Garant für den Weiterbestand der Strecke ist die Lenzing AG im Güterverkehr. Im Personenverkehr sieht es nicht so rosig aus, auch wenn durch einen Verkehrsdienstevertrag die Aufrechterhaltung des Personenverkehrs vorerst bis 2017 gesichert scheint. Noch in den 1970er Jahren war auch der Personenverkehr auf der Strecke zufriedenstellend. Kannibalisierend und erschwerend für den Kammerer Hansl ist der Busverkehr, den die Firma Stern & Hafferl parallel im Stundentakt Richtung Seewalchen führt.

Für eine vermehrte Anreise von Touristen, vor allem Tagesausflügler, wäre es unbedingt notwendig, zumindest 4 Kurse auch am Wochenende zu führen und so auch die Möglichkeit einer Rundreise mit Einbeziehung der Attersee Schiffahrt zu bieten. Dann könnten mit dem Zug bspw. aus dem Großraum Linz nach Kammer-Schörfling gefahren werden, dort weiter mit dem Schiff nach Attersee und von dort mit der Attergaubahn von Stern & Hafferl nach Vöcklamarkt an der Westbahn. Für Ausflügler aus dem Raum Salzburg bietet sich die umgekehrte Runde an. Angepaßte Fahrpläne und Kombitickets wären natürlich Grundvoraussetzung. Oder gar eine Direktverbindung mit Linz, die es in den 1940er Jahren bereits einmal gab.

Literatur / Links / Quellen:

Aschauer, Franz, 1964: Oberösterreichs Eisenbahnen. Geschichte des Schienenverkehrs im ältesten Eisenbahnland Österreichs. Schriftenreihe der oö. Landesbaudirektion, Band 18. Wels. (Vöcklabruck - Kammer-Schörfling Seite 73 und 74)

Wikipedia und Atterwiki

      Bahnhofsrestauration Vöcklabruck an der Westbahn - DEEF / Dr. Michael Populorum           

Ah, wie herrlich, zum Abschluß der Tour am Hausbahnsteig in der Bahnhofsrestauration ein gutes Rieder Weißbier und dazu eine
herrliche Essigwurst von der Knacker, alles mit bestem Blick auf das Eisenbahngeschehen....

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Bericht von: Dr. Michael Populorum, Chefredakteur DEEF;  Erstmals Online publiziert: 13. Mai 2012; Ergänzungen: :

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Last modified  Sonntag, 24. Mai 2015 22:13:42 +0200
Autor/F.d.I.v.: Kons. Univ. Lekt. Dr. Michael Alexander Populorum DEEF # Dokumentationszentrum für Europäische Eisenbahnforschung # Railway Research Austria 2009-2020 

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